
Meine zweite Rundmail in etwas verkürzter Form:
Mein erster Monat hier ist vorbei und es war einer der erlebnisreichsten in meinem Leben. Mittlerweile treffe ich mich mit deutschen und chilenischen Freunden und bin so richtig in Santiago angekommen.
Klar geworden ist mir das bei einer Feier im Zentrum der Stadt (Metro: Los Leones). Es war eine Wohnungseinweihung in einem neugebauten, modernen Hochhaus, wobei die carrete (chilen.: Feier) auf dem Dach stattfand. Mit Pool, Riesenrost und Tanzflaeche ausgestattet, hatte man einen atemberaubenden Ausblick ueber Santiago bei Nacht, den Río Mapocho und das Zentrum des Nachtlebens, wobei einen die weisse Statue der Jungfrau vom nahegelegenen Huegel „Cerro San Cristobal" ueberwachte. Ich haette die ganze Nacht damit verbringen koennen, die blinkenden Hochhaeuser zu betrachten und in der Metropole zu schwelgen. Doch dazu war die Party zu gut.
In den Reichenvierteln der Stadt bekommt man von den teilweise schlimmen Zustaenden der Armen nichts mit. Man lebt mindestens auf Europaniveau. Die Strassensind sauber, die Einkaufstueten gut gefuellt, Bettler sieht man kaum und alle Welt ist gut gekleidet.
Am aussagekraeftigsten sind eigentlich die Menschen in der Metro. Die Zuege im Norden sind gefuellt mit beschaeftigt aussehenden Maennern in schwarzen Anzuegen, inklusive Hut, Lackschuhen, Aktentasche, Schirm, Sonnenbrille und Lederhandschuhen, die ganze Palette – und das dazu gehoerende weibliche Pendant. Nimmt man eine der drei Nord-Sued-Verbindungen, aendert sich das Bild allmaehlig, die Sachen werden zunehmend normaler, aelter und schmutziger.
In der im Sueden gelegenen Linie L4A, wo sich auch die neugebaute Station „La Granja" befindet, sieht man hoechstens einmal ein abgetragenes Jackett, ansonsten ueberwiegen die Trainingsanzuege.
Die Menschen im Sueden der Stadt versuchen sich normal und unauffaellig zu kleiden, so merkt man ihnen die Armut nicht immer an, wenn sie sich einer der zahlreichen, unvorstellbar grossen Malls bewegen, aber in ihren Vierteln, Bussen und der Linie L4A ist man in einer anderen Welt.
Die Kinder aus dem Stadtteil „La Granja" (población san gregorio), wo ich arbeite kennen nur diese Welt. Das weiteste, was der 10-jaehrige Jesús je besucht hat, sind die Berge am Rande Santiagos.
Wir haben einige Ausfluege mit den Kindern gemacht, mit einem Bus, den Mariaayuda zur Verfuegung stellt, in der Stadt, aber das ist schon weit. Die Unterscheidung zwischen Stadt, Land und Kontinent faellt auch den aelteren schwer; Deutschland oder Europa koennen sie sich, glaube ich, schwer vorstellen.
Manchmal ist die Arbeit wie in einem normalen Kindergarten in Deutschland, weil das natuerlich Kinder wie alle sind, die verschiedene Sachen erst lernen muessen. Man kriegt mit der Zeit aber schon mehr von den Schicksalen der Kinder mit.
In der Regel haben sie niemanden, der sie im taeglichen Leben anleitet und ihnen sagt, wann und dass sie aufstehen, zur Schule gehen, essen, sich waschen, ..., etc. sollen. Nur mit Glueck kriegen viele auch am Wochenende Essen, die Moeglickeit zu Duschen und saubere Sachen. Die meisten fehlen oefters in der Schule und haengen dadurch hinterher. Ansonsten verbringen sie ihre Zeit mit „nichts", d.h. auf der Strasse.
Durch das Projekt wir dieses Leben deutlich aufgewertet, Tía Pamela und Tío Rodrigo sind quasi Mama und Papa der Kinderschar, es kommen recht haeufig Gruppen und Organisationen, die auf ganz verschiedene Art und Weise helfen ( z.B. Tiermediziner, die erklaeren, warum man nicht mit einem Hund in einem Bett schlafen sollte) und es werden Wochenendsausfluege einfach in der Woche gemacht.
So hatten wir durch den Bruder der Tía Pamela die Moeglichkeit kostenlos in den Freizeit- und Erlebnispark Santiagos, Fantasilandia, reingehen zu koennen.
----> siehe letzter Post
Ich steige hier also mehr und mehr hinter das chilenische Leben und dadurch, dass ich in einem Elendsviertel arbeite, beim Mittelstand wohne und in den Reichenvierteln meine Wochenenden verbringe, sehe ich, glaube ich, teilweise mehr als so mancher Chilene.
Man kriegt auch mehr von den Dingen mit, die das Land beschaeftigen. Nahezu jeden Tag berichtet das chaotische chilenische Fernsehen ueber den schlechten Zustand des „Transsantiago", dem staedtischen Transportsystem. Und der 11. September, Tap des Pinochet-Putsches, 1973 verlief verhaeltnismaessig ruhig, mit nur einem toten Polizisten und Stromausfall.
Das naechste Grossereignis das allerdings ansteht und sehr viel wichtiger ist, sind die „fiestas patrias", die Nationalfeiertage oder der Geburtstag Chiles, wie es den Kindern erklaert wird.
Der eigentliche Feiertag ist Dienstag, der 18. September, aber auch Montag und Mittwoch sind frei. Diese Tage sind die wichtigsten nach Weihnachten und jedes Jahr aus Neue freuen sich die Chilenen wie bloed auf diesen Partymarathon, an dem alle chilenische Empanadas essen, einen speziellen chilenischen Wein trinken, alles mit Fahnen, Nationalsymbolen (escudo) und Nationalblume schmuecken, den Nationaltanz (cueca) tanzen, sich wie huasos (vergleichbar mit argent. gauchos) kleiden, traditionelle Spiele spielen und die Zeit so chilenisch wie moeglich verbringen. Ich schau mir das alles mal an und sag euch dann wie es war.
Anfang Oktober werde ich dann in eine WG mit zwei Deutschen und zwei Auslaendern ziehen. Ich war schon zweimal in dem Haus, das uns Mariaayuda zur Verfuegung stellt. Wir bezahlen nicht allzu viel Miete; Kueche, Bad, Wohnzimmer - alles vorhanden. Ich freu mich schon total darauf, mein Zimmer einzurichten und dort unabhaengig zu wohnen. Es ist genau das, was ich gesucht habe, was in Santiago nicht so leicht zu bekommen ist, da eine Wohnung eigentlich zu teuer ist und man nachweisen muss, dass man zahlen kann. Ausserdem liegt es zwei Metrostationen von miner Arbeit entfernt, naeher am Zentrum und die naechste Mall ist zu Fuss erreichbar.
So werde ich mehr auch unter der Eoche machen koennen, da ich Zeit im Bus spare, alles besser erreichbar ist und ich unabhaengig bin.
Auch auf meiner Arbeit aendert sich einiges:
Da jeden Dienstag und Mittwoch fuer die Monate September und Oktober die beiden Erzieher fehlen, habe ich die Kinder mit einer komplett neuen Vertretung alleine. Das ist natuerlich anstrengender und fordert von mir, dass die Kinder auf mich hoeren. Das ist gar nicht so einfach, auch wenn es meistens fuer mich nicht so viele Kinder sind, nie mehr als acht. Ich glaube aber, dass ich das ganz gut mache, zumal ich noch nie fuer eine Gruppe von Kindern verantwortlich war. Am Schwierigsten ist eine Familie mit fuenf Geschwistern, die auf einem Markt aufgesammelt wurden. Die hoeren eigentlich ueberhaupt nicht, aber man muss die Hintergruende wissen. Sie wurden von der Mutter verlassen und haben wohl als Kleinkinder auch zu wenig zu trinken und zu Essen gekriegt. Tía Pame meint, bei einigen von den Fuenzalidas ist dadurch etwas zerstoert worden. Dadurch sind sie etwas schwieriger und brauchen mehr Aufmerksamkeit, auch wenn das nicht immer einfach ist.
Obwohl es anstrengender ist, ist es eigentlich gar nicht so schlecht, mehr gefordert zu werden, denn das ist ja gerade der Unterschied zwischen Zivi und aDiA, bei dem es erlaubt ist, auch erzieherische Aufgaben zu uebernehmen, was man ja beim Zivi nicht darf.
Also, ich sehe froehlich in die Zukunft, denn bald hab ich meine eigenes Haus und Ende Oktober kommt auch schon meine ehemalige Lehrerin, Anne Nickel-Gemmecke, mit dem naechsten Chileaustauschskurs vorbei, worauf ich mich sehr freue. Wir sprechen gerade ab, wie die Schueler auch was von meinem projekt sehen koennen.
Vielleicht komm ich im Oktober auch noch nach Buenos Aires, man muss es ja nutzen, wenn man hier so nah ist.
Vielen Dank fuer die vielen Antworten, ich hoffe ich konnte einiges beantworten,
ansonsten meldet euch weiter, ich freue mich auf feedback, ein Austausch foerdert ja immer am meisten.
Bis bald
Mein erster Monat hier ist vorbei und es war einer der erlebnisreichsten in meinem Leben. Mittlerweile treffe ich mich mit deutschen und chilenischen Freunden und bin so richtig in Santiago angekommen.
Klar geworden ist mir das bei einer Feier im Zentrum der Stadt (Metro: Los Leones). Es war eine Wohnungseinweihung in einem neugebauten, modernen Hochhaus, wobei die carrete (chilen.: Feier) auf dem Dach stattfand. Mit Pool, Riesenrost und Tanzflaeche ausgestattet, hatte man einen atemberaubenden Ausblick ueber Santiago bei Nacht, den Río Mapocho und das Zentrum des Nachtlebens, wobei einen die weisse Statue der Jungfrau vom nahegelegenen Huegel „Cerro San Cristobal" ueberwachte. Ich haette die ganze Nacht damit verbringen koennen, die blinkenden Hochhaeuser zu betrachten und in der Metropole zu schwelgen. Doch dazu war die Party zu gut.
In den Reichenvierteln der Stadt bekommt man von den teilweise schlimmen Zustaenden der Armen nichts mit. Man lebt mindestens auf Europaniveau. Die Strassensind sauber, die Einkaufstueten gut gefuellt, Bettler sieht man kaum und alle Welt ist gut gekleidet.
Am aussagekraeftigsten sind eigentlich die Menschen in der Metro. Die Zuege im Norden sind gefuellt mit beschaeftigt aussehenden Maennern in schwarzen Anzuegen, inklusive Hut, Lackschuhen, Aktentasche, Schirm, Sonnenbrille und Lederhandschuhen, die ganze Palette – und das dazu gehoerende weibliche Pendant. Nimmt man eine der drei Nord-Sued-Verbindungen, aendert sich das Bild allmaehlig, die Sachen werden zunehmend normaler, aelter und schmutziger.
In der im Sueden gelegenen Linie L4A, wo sich auch die neugebaute Station „La Granja" befindet, sieht man hoechstens einmal ein abgetragenes Jackett, ansonsten ueberwiegen die Trainingsanzuege.
Die Menschen im Sueden der Stadt versuchen sich normal und unauffaellig zu kleiden, so merkt man ihnen die Armut nicht immer an, wenn sie sich einer der zahlreichen, unvorstellbar grossen Malls bewegen, aber in ihren Vierteln, Bussen und der Linie L4A ist man in einer anderen Welt.
Die Kinder aus dem Stadtteil „La Granja" (población san gregorio), wo ich arbeite kennen nur diese Welt. Das weiteste, was der 10-jaehrige Jesús je besucht hat, sind die Berge am Rande Santiagos.
Wir haben einige Ausfluege mit den Kindern gemacht, mit einem Bus, den Mariaayuda zur Verfuegung stellt, in der Stadt, aber das ist schon weit. Die Unterscheidung zwischen Stadt, Land und Kontinent faellt auch den aelteren schwer; Deutschland oder Europa koennen sie sich, glaube ich, schwer vorstellen.
Manchmal ist die Arbeit wie in einem normalen Kindergarten in Deutschland, weil das natuerlich Kinder wie alle sind, die verschiedene Sachen erst lernen muessen. Man kriegt mit der Zeit aber schon mehr von den Schicksalen der Kinder mit.
In der Regel haben sie niemanden, der sie im taeglichen Leben anleitet und ihnen sagt, wann und dass sie aufstehen, zur Schule gehen, essen, sich waschen, ..., etc. sollen. Nur mit Glueck kriegen viele auch am Wochenende Essen, die Moeglickeit zu Duschen und saubere Sachen. Die meisten fehlen oefters in der Schule und haengen dadurch hinterher. Ansonsten verbringen sie ihre Zeit mit „nichts", d.h. auf der Strasse.
Durch das Projekt wir dieses Leben deutlich aufgewertet, Tía Pamela und Tío Rodrigo sind quasi Mama und Papa der Kinderschar, es kommen recht haeufig Gruppen und Organisationen, die auf ganz verschiedene Art und Weise helfen ( z.B. Tiermediziner, die erklaeren, warum man nicht mit einem Hund in einem Bett schlafen sollte) und es werden Wochenendsausfluege einfach in der Woche gemacht.
So hatten wir durch den Bruder der Tía Pamela die Moeglichkeit kostenlos in den Freizeit- und Erlebnispark Santiagos, Fantasilandia, reingehen zu koennen.
----> siehe letzter Post
Ich steige hier also mehr und mehr hinter das chilenische Leben und dadurch, dass ich in einem Elendsviertel arbeite, beim Mittelstand wohne und in den Reichenvierteln meine Wochenenden verbringe, sehe ich, glaube ich, teilweise mehr als so mancher Chilene.
Man kriegt auch mehr von den Dingen mit, die das Land beschaeftigen. Nahezu jeden Tag berichtet das chaotische chilenische Fernsehen ueber den schlechten Zustand des „Transsantiago", dem staedtischen Transportsystem. Und der 11. September, Tap des Pinochet-Putsches, 1973 verlief verhaeltnismaessig ruhig, mit nur einem toten Polizisten und Stromausfall.
Das naechste Grossereignis das allerdings ansteht und sehr viel wichtiger ist, sind die „fiestas patrias", die Nationalfeiertage oder der Geburtstag Chiles, wie es den Kindern erklaert wird.
Der eigentliche Feiertag ist Dienstag, der 18. September, aber auch Montag und Mittwoch sind frei. Diese Tage sind die wichtigsten nach Weihnachten und jedes Jahr aus Neue freuen sich die Chilenen wie bloed auf diesen Partymarathon, an dem alle chilenische Empanadas essen, einen speziellen chilenischen Wein trinken, alles mit Fahnen, Nationalsymbolen (escudo) und Nationalblume schmuecken, den Nationaltanz (cueca) tanzen, sich wie huasos (vergleichbar mit argent. gauchos) kleiden, traditionelle Spiele spielen und die Zeit so chilenisch wie moeglich verbringen. Ich schau mir das alles mal an und sag euch dann wie es war.
Anfang Oktober werde ich dann in eine WG mit zwei Deutschen und zwei Auslaendern ziehen. Ich war schon zweimal in dem Haus, das uns Mariaayuda zur Verfuegung stellt. Wir bezahlen nicht allzu viel Miete; Kueche, Bad, Wohnzimmer - alles vorhanden. Ich freu mich schon total darauf, mein Zimmer einzurichten und dort unabhaengig zu wohnen. Es ist genau das, was ich gesucht habe, was in Santiago nicht so leicht zu bekommen ist, da eine Wohnung eigentlich zu teuer ist und man nachweisen muss, dass man zahlen kann. Ausserdem liegt es zwei Metrostationen von miner Arbeit entfernt, naeher am Zentrum und die naechste Mall ist zu Fuss erreichbar.
So werde ich mehr auch unter der Eoche machen koennen, da ich Zeit im Bus spare, alles besser erreichbar ist und ich unabhaengig bin.
Auch auf meiner Arbeit aendert sich einiges:
Da jeden Dienstag und Mittwoch fuer die Monate September und Oktober die beiden Erzieher fehlen, habe ich die Kinder mit einer komplett neuen Vertretung alleine. Das ist natuerlich anstrengender und fordert von mir, dass die Kinder auf mich hoeren. Das ist gar nicht so einfach, auch wenn es meistens fuer mich nicht so viele Kinder sind, nie mehr als acht. Ich glaube aber, dass ich das ganz gut mache, zumal ich noch nie fuer eine Gruppe von Kindern verantwortlich war. Am Schwierigsten ist eine Familie mit fuenf Geschwistern, die auf einem Markt aufgesammelt wurden. Die hoeren eigentlich ueberhaupt nicht, aber man muss die Hintergruende wissen. Sie wurden von der Mutter verlassen und haben wohl als Kleinkinder auch zu wenig zu trinken und zu Essen gekriegt. Tía Pame meint, bei einigen von den Fuenzalidas ist dadurch etwas zerstoert worden. Dadurch sind sie etwas schwieriger und brauchen mehr Aufmerksamkeit, auch wenn das nicht immer einfach ist.
Obwohl es anstrengender ist, ist es eigentlich gar nicht so schlecht, mehr gefordert zu werden, denn das ist ja gerade der Unterschied zwischen Zivi und aDiA, bei dem es erlaubt ist, auch erzieherische Aufgaben zu uebernehmen, was man ja beim Zivi nicht darf.
Also, ich sehe froehlich in die Zukunft, denn bald hab ich meine eigenes Haus und Ende Oktober kommt auch schon meine ehemalige Lehrerin, Anne Nickel-Gemmecke, mit dem naechsten Chileaustauschskurs vorbei, worauf ich mich sehr freue. Wir sprechen gerade ab, wie die Schueler auch was von meinem projekt sehen koennen.
Vielleicht komm ich im Oktober auch noch nach Buenos Aires, man muss es ja nutzen, wenn man hier so nah ist.
Vielen Dank fuer die vielen Antworten, ich hoffe ich konnte einiges beantworten,
ansonsten meldet euch weiter, ich freue mich auf feedback, ein Austausch foerdert ja immer am meisten.Bis bald


