Willkommen auf meinem Blog!

Hallo liebe Besucher, mit diesem Blog möchte ich die öffentliche Wirkung meines Auslandsaufenthaltes in Chile vom 01. August 2007 bis zum 31. Juli 2008 etwas erhöhen. Ich mache statt des Zivildienst den aDiA (anderer Dienst im Ausland) in einem Projekt für Straßenkinder in Santiagos Stadtteil "La Granja". Weitere Infos und aktuelle News finden Sie auf der folgenden Seite, viel Spaß damit, ich hoffe ich kann die Interessierten etwas bereichern...

Dienstag, 18. März 2008

Was für ein Sommer - Dezember bis Februar mit Sommerurlaub, Weihnachten bei 30º und bewegenden Erlebnissen

Der Sommer hier in Santiago geht im März zu Ende, schade eigentlich, denn in den letzten vier Monaten gab es ausschließlich blauen Himmel, Hitze und Sonnenschein. So war ich auch sehr gespannt auf Weihnachten und Silvester, zum ersten Mal bei hohen Temperaturen. Der Advent ist im Prinzip genauso konsumfreudig und kündigt "la pascua" an allen erdenklichen Stellen an. Doch es kommt nicht die gemütliche, behagliche Winterstimmung auf, wie in Deutschland. Im Gegenteil, alles ist viel extrovertierter. Die heilige Nacht an sich wird mit der engsten Familie verbracht, so war auch ich in Maipú bei Padilla-Calderons. Die Messe und Bescherung fanden erst spät in der Nacht statt wodurch wenigstens das Herzstück des Weihnachtsfests familiär, behaglich und irgendwie heilig war. Danach wird mit den Jugendlichen allerdings noch gefeiert, was bei uns unvorstellbar wäre. Bis Silvester haben dann alle Ferien - für mich war das Ganze eher wie Sommerurlaub.
Meine Chefin gab mir den Tipp, Silvester doch in Valparaíso zu verbringen, da wurde nämlich ein professionelles Feuerwerk veranstaltet. Das musste ich mir unbedingt anschauen, denn diese Küstenstadt hat ein Flair, das an das chilenische 19. Jahrhundert erinnert. Dort traf dann auch alles zusammen: Jung auf Alt, Tradition auf Moderne, Chilenen auf Deutsche und 400.000 Auswärtige auf 400.000 Einheimische. Mit 20.000 Menschen an einem Strand, der verzaubernder Kulisse Valparaísos und einem spektakulären, 20-minütigem Feuerwerk wurde dann auch ein gebührender Einzug ins Jahr 2008 gefeiert.
Sommer, Sonne, Sonnenschein - trotzdem gibt es Sachen, die nicht vergessen oder verdrängt werden können.
Im Dezember, vor Weihnachten, ließ mich die Geschichte einer Familie in meinem Projekt nicht mehr los. Die ganze Woche plagten mich schon Kopfschmerzen, weil ich mich für den Zwischenkurs in Bolivien gegen Gelbfieber hatte impfen lassen und dann die Symptome auftraten (damit löste ich schon in Deutschland den Alarm aus, Gelbfieber zu haben). Meine Chefin entschied dann kurzentschlossen, mich zu einem Artzt zu begleiten und schilderte mir dabei umfangreich die Vergangenheit unserer schwierigsten fünf Kinder. Ich hatte die Fuenzalida-Geschwister ja schonmal erwähnt, damals war mir das Ausmaß des Ganzen jedoch noch nicht klar. Tia Nelly offenbarte mir, dass die Mutter der fünf Kinder im Alter von 5, 10, 11, 13 und 15 früher Prostituierte war und die Kinder nicht alle vom selben Vater sind. Dabei wäre es wahrscheinlich, dass alle Kinder schon sexuell missbraucht wurden und vor allem der 13-Jährige Reinaldo regelmäßig verprostituiert wurde. Bevor sie vor ein Paar Jahren ins Projekt aufgenommen wurden, lebten sie noch auf der Straße, mittlerweile in einer Bruchbude in der Nähe der "Casa San José". Jedenfalls fehlte es immer an Essen, Hygiene und Sicherheit, die Kinder gingen nicht zur Schule, alles in allem sehr zerrüttete Verhältnisse. Und für mich das Schlimmste: Die fünf hatten noch ein kleineres Geschwisterkind, bis sich Reinaldo einmal aus Versehen an einem Heizboiler verbrannte, erschrak, dagegenstieß und dieser auf den darunterliegenden Bruder fiel. Durch diesen Unfall kam das Kind ums Leben und Reinaldo wird das von seinen Eltern auch noch vorgehalten und direkt gesagt: du hast deinen Bruder umgebracht. Was diese Kinder schon alles aufgeladen bekommen haben... . Mit diesem Wissen bekommt man ein ganz anderen Blick auf das Projekt und die Kinder, denn oft sieht man ihnen das nicht an.
Was hat nun das Projekt besonders für Kevin, Jesús, Nicole, Reinaldo und Julio Fuenzalida geschafft? Die Familie wurde psychologisch betreut, alle Kinder konnten regelmäßig essen, duschen, spielen und in begrenztem Maß wirklich Kinder sein. Die fünf beschützen sich in jeder Situation, egal ob ein Teil des Clans geschlagen werden soll oder nur Unterstützung beim Erstreiten eines Spielzeuges braucht. Alle gehen zur Schule und nehmen, so weit man weiß, keine Drogen.
Trotzdem können die seelischen Verletzungen nicht geheilt werden. Die drei Jüngsten können fast überhaupt nicht lesen oder schreiben, weil sie sich dem Unterricht oft einfach verweigern, kaum aufnahmefähig sind und nie ans geistige Arbeiten gewöhnt wurden. Man merkte auch immer den Einfluß der Mutter und ihres Freundes, wenn die Kinder aus dem Wochenende zurückkamen, in den letzten Monaten verschlimmerte sich die Situation eher wieder, denn die Eltern sind einfach nicht verantwortungsvoll genug. Die Fuenzalidas haben immer wenig zu Essen, können den ganzen Tag auf der Straße verbringen, niemand sagt ihnen, dass man zur Schule gehen oder die Hausaufgaben machen muss und die Ältesten gehen in den Supermarkt zum klauen. So haben sie eine kriminelle Zukunft vor sich.
Schon Ende letzten Jahres wurde deswegen entschieden, das Jugendamt einzuschalten und die Kinder in einem Heim unterzubringen. Gott sei Dank gibt es in Chile wenigstens für diese Härtefälle die Gesetze, Institutionen und nötigen Druckmittel um so etwas dann auch durchzusetzen.
Der ganze Prozess zog sich allerdings lange hin. Die Eltern verhinderten einen Abholtermin, indem sie ihr Haus verließen und die Nachricht streuten, nach Valparaíso abgehauen zu sein. Bald tauchten sie dann aber auf und drohten damit, zum Fernsehn zu gehen und über Kindesentführung zu berichten. "Acógeme" nähme armen, arbeitenden Eltern die Kinder weg. Natürlich wurde daraus nichts, aber wenigstens verlängerte es die Zeit, bis die Kinder dann nun endlich letzte Woche einem Heim übergeben wurden. Scheinbar brauchte es so viel Zeit und einen Prozess, um zu akzeptieren, dass man als Eltern versagt hat und die Kinder weg gehen müssen. Trotz fehlender Erziehung, Verantwortung und Führsorge kann man das biologische Band, das zwischen Mutter und Kindern besteht, nicht ignorieren. Obwohl den Kindern tolle Erzieher, eigene Betten, immer gutes Essen, ein warmes Haus, Fernseher, Spielzeug, Duschen und eine tolle Ausstattung versprochen wurden, wollte keines der Kinder das eigene Haus verlassen. Es bedeutet für sie natürlich, dass sie jetzt in einer anderen Welt leben müssen, denn aus dem Haus dürfen sie nicht alleine raus. Viele Kinder hauen auch von diesen Heimen ab, denn sie sind ein Leben ohne Regeln und Verbote gewohnt.
Ich hoffe das Beste für die fünf, obwohl es wohl nicht sehr hoffnungsvoll aussieht. Der Abschied war wohl sehr hart, besonders als sie am Heim ankamen, was keineswegs die versprochene Ausstattung hatte und eher traurig wirkte. Nochdazu heulten bei der Ankunft zwei andere Kinder bitterlich, weil sie nicht in das Heim wollten. Tía Nelly sprach von einem traumatischem Erlebnis. Was für ein trauriges Schicksal!
Wie kann ich eigentlich in einem Haus mit Pool wohnen, durch Südamerika reisen, ein so vergleichsweise dekadentes Leben führen und irgendwann nach Deutschland zurückkehren, wo diese Schicksale ganz weit weg sind? Müsste man nicht eigentlich gleich seine Musikanlage verkaufen und mit dem Geld den Kindern helfen?
Gerade um solche Fragen zu beantworten, bin ich anfang Januar mit Andreas Freidhöfer, einem guten Freund, den ich noch vom Vorbereitungskurs kannte, nach Santa Cruz in Bolivien gefahren, denn dort fand der Zwischenkurs von "Fid" statt. Ich traf mit 20 anderen Deutschen in meinem Alter zusammen, die als Freiwillige in vielen südamerikanischen Ländern arbeiten. Es war sehr interessant, sich mit allen über Erfahrungen, Ängste, Eindrücke, usw. auszutauschen und Rückmeldung von drei professionellen Begleitern zu bekommen. Die Woche hat mir schon geholfen, meine Aufenthalte kritisch zu überdenken und mit ein paar Vorsätzen in die zweite Halbzeit zu gehen. Z.B. sagte einer der Begleiter, dass man nunmal in der Welt lebt, die schon so ist, wie sie ist und dass man eben mit dem Konflikt arm - reich konfrontiert wird, wenn man ein Jahr in Südamerika arbeitet. Das wusste ich auch schon vorher, aber es ist wichtig, sich das in diesem Zusammenhang nochmal klar zu machen, denn für das Haus, in dem ich wohne, kann ich gar nichts, es wurde mir durch Glück von Maria Ayuda zur Verfügung gestellt. Diese komfortable Lebenssituation, die einem viel Kraft und Lebensfreude gibt, muss man deswegen nicht unbedingt in Frage stellen, geschweige denn aufgeben. Und es ist wirklich so, dadurch, dass ich sehr zufrieden und glücklich mit meinem Leben außerhalb des Projekts bin, fällt es mir auch leichter, mit den Problemen auf der Arbeit umzugehen.
Diesen Lebensstandard haben aber nicht alle lateinamerikanischen Länder. Das konnte ich schon in Argentinien feststellen, aber jetzt auch in Bolivien und Peru, wo ich im Sommerurlaub hingefahren bin. Ein Reisebericht wäre eindeutig zu umfassend, deswegen nur das Wichtigste, was ich mitgenommen hab:
Nochmal andere Länder zu sehen, hat mir aufgezeigt, wie reich eigentlich Chile noch ist. Man isst nicht auf der Straße mit den bloßen Händen, die Busse sind pünktlich, es gibt überall Internet, die Kriminalität ist nur selten lebensgefährlich und wenigstens die Polizisten sind soweit unbestechlich. Ich könnte noch vieles Andere aufzählen, denn Bolivien und Peru sind wirklich die ärmsten Länder in Südamerika. Auch die Menschen sind nicht so ausländerfreundlich, wie die Chilenen, sondern eher abweisend. Trotzdem gibt es wunderschöne Orte, wie das mystische Machu Pichu oder der höchste See der Welt, der Titicacasee. Und auf der zweiwöchigen Reise jetzt im Februar mit Rafael und Johannes wurden wir schon mit Situationen konfrontiert, die man in Deutschland nicht so erwartet. Von unverantwortlichen Busunternehmen über riesige Schwarzmärkte zu Magenkrankheiten in La Paz war alles dabei. Außerdem trifft man unglaublich viele beeindruckende Menschen, sowohl Einheimische, als auch Touristen. Alles in allem eine sehr interessante Reise, die die Rolle Chiles im südamerikanischem Vergleich für mich nochmal viel klarer gemacht hat.
Im Projekt ist jetzt natürlich Einiges viel einfacher ohne die Fuenzalidas, die Kinder haben mich mittlerweile sehr viel mehr akzeptiert. Mir fällt es leichter, klare Anweisungen zu geben, die dann auch beim dritten Mal befolgt werden. Außerdem haben wir viel mit den Arbeitskollegen unternommen, sodass ich mit einigen eigentlich schon richtig gut befreundet bin. Es macht einfach Spaß auf Arbeit zu gehen. Trotzdem ist es schwer mit den Kindern zu arbeiten. Wenn ich mit ihnen am Computer im Internet bin, sind sie immer noch sehr unaufmerksam und brauchen bei jeder Kleinigkeit Hilfe. Mein größter Wunsch ist eigentlich, ihnen zu zeigen, wie groß die Welt ist, wie viel es zu wissen gibt, welche Länder man sehen kann und dass sie durch das Internet auch eine kleine Tür in die große Welt haben. Ich hoffe, einfach durch meine Anwesenheit, andere Gebräuche, die sich an manchen Stellen zeigen oder die andere Sprache schon ein lebendes Beispiel zu sein.

Los niños más hermosos del mundo - die schönsten Kinder der Welt

Sonntag, 9. Dezember 2007

Alle Unterstützer, Bekannte, Verwandte und Freunde grüsse ich ganz herzlich aus dem Süden Chiles, Patagonien. Ich bin hier im Urlaub mit meinen Eltern, die schon zweieinhalb Wochen hier sind.

Es ist ziemlich viel passiert seit dem letzten Eintrag, ich versuche einen möglichst umfassenden Bericht abzugeben. Wie angekündigt geht es erstmal um den Umzug meinen Argentinienurlaub.



Wie geplant bin ich nach zwei Monaten Aufenthalt in Santiago von meiner Familie in Maipú näher ins Zentrum gezogen. Es tat mir etwas leid, von der chilenischen Familie wegzuziehen, da sie alle wirklich sehr lieb waren, mir in allen Situationen geholfen haben und ich ein tolles Verhältnis zu ihnen hatte. Aber in der ciudad satélite, wo ich gewohnt habe, gibt es nicht so viele Beschaftigungsmöglichkeiten, der Weg zur Arbeit ist weit und im eigenen Heim lebt es sich letztendlich unabhängiger.

Das neue Haus von Maria Ayuda liegt in der Nähe des "Santuario" und auf dem grossen Gelände der Schönstatt-Padres in La Florida im Südosten Santiagos. Wir hatten grosse Pläne, von der Einrichtung des Hauses bis zur Poolrenovierung. Johannes und ich zogen als erste Voluntäre von Maria Ayuda in das Haus, das für alle Freiwillige, die über diese Organisation nach Santiago kommen, offen stehen soll.


An einem Samstag eingezogen, kam mir allerdings die Buenos Aires Reise dazwischen, die ich mit Rossana relativ schnell organisierte, weil wir uns nur nach den Flugpreisen richteten. Gott sei Dank hatte meine Chefin nichts gegen den Spontantrip von acht Tagen, sodass wir schon drei Tage nach meinem Umzug nach Argentinien geflogen sind.

Endlich konnte ich neue Leute kennenlernen und mehr von Südamerika entdecken. Natürlich lernte ich viel über Mexiko und seine Leute durch Rossana, aber auch die argentinischen und deutschen Freunde von Benny waren sehr spannend.

Mein bester Freund der Schulzeit, Benny, macht auch aDiA in Argentinien und arbeitet in einem Strassenkinderprojekt in einer Villa (=Slum) am Rande Buenos Aires'. Bei ihm konnten wir glücklicherweise wohnen und das Leben in Quilmes kennenlernen. Bekannt ist der Vorort vor allen Dingen für sein Bier, das in ganz Südamerika bekannt ist und viel vertrieben wird. Wahrscheinlich vom Bierduft der nahegelegenen Bierfabrik animiert, genossen wir natürlich das Nachtleben, besonders am Tag der Deutschen Einheit musste Warsteiner getrunken werden, aber vorrangig war ich ja da, um Buenos Aires, seine Sehenswürdigkeiten und die argentinische Lebensweise zu sehen.

Ich schätze mal, das durchgängig schlechte Wetter, die bevorstehende Wahl und der durchaus untouristische Aufenthalt mit Einblicken ins Alltagsleben dort haben meinen Eindruck der Stadt etwas negativiert.

Ich kann überhaupt nicht verstehen, warum die Chilenen in ihrem ewig sonnigem Santiago sitzen und so von Buenos Aires schwärmen. Wahrscheinlich, weil alles billiger, die Luft etwas sauberer (allerdings ist das an jedem anderen Ort Lateinamerikas auch so, ausser Mexiko-Stadt) und das Fleisch ein bisschen besser ist.

Trotzdem ist es nervig, wenn man spät in der Nacht versucht, aus dem Zentrum nach Hause zu kommen und man dabei erstmal genügend Kleingeld zusammensuchen muss, was echt schwer ist. Das Land hat allen Ernstes zu wenig Münzen, Produkte werden einfach nicht verkauft, wenn der Ladenbesitzer zu viel Kleingeld wiedergeben muss. Ein täglicher Münzenkampf ist nötig, denn nur damit kann man im Bus bezahlen. Wenn man dann im Nieselregen in einer ewig langen Schlange, deren Kopf mit anderen ständig tauscht und am Ende eh zum falschen Bus führt, auf einen Bus wartet, der noch langsamer ist als die "halbschnellen" und dann noch die billigen Wahlkampfslogans "Sabemos lo que falta" (Wir wissen, woran es fehlt) von Christina Kirchner und überhaupt allen Politikern lessen muss, fragt man sich doch, wie es wohl sein muss, in so einem Land zu leben.

Die Armut ist noch grösser als in Chile, die Wege mit öffentlichen Verkerhrsmitteln dauern doppelt so lang, die Politik ist quasi komplett unglaubwürdig und korrupt, die Inflation höher, die Metro am Abend auf Grund von Wechselgeldmangel kostenlos und die Folgen der Wirtschaftskrise von 2001 sind nicht zu überdecken. Das Zentrum lässt an vielen Stellen den Glanz alter Tage erkennen, doch vielerorts ist alles nur Fassade, wie z.B. in La Boca, das nur für Touristen ausgerichtet ist, das Stadion der Boca Juniors, das eine Renovierung dringend nötig hätte, die "breiteste Strasse der Welt", die dann aber doch vom Champs Elysee an Breite übertroffen wird und der Kongress, der in der Dämmerung und im Nieselregen aussieht, als wäre er einem düsteren Politik – Psycho – Thriller aus Hollywood nachgebaut.

Was die Reise aber zu einem grossen Erfolg gemacht hat, waren die Menschen, mit denen ich die Zeit verbracht hab. Da wären z.B. die Freunde von Benny, aus dem kapitalistischen Ausland, aus der Nähe von Köln, sehr interessant und immer für einen Spass zu haben. Die Mexikanerin Rossana, aus einem der reichsten Wohngegenden ihres Landes und entsprechenden Lebensgewohnheiten - zum ersten Mal auf selbstständiges Kochen angewiesen. Mariana aus Argentinien, die schon in Deutschland war und uns viel von Buenos Aires zeigen konnte.

Viel Glück hatte ich auch, eine argentinische Künstlerin in greisem Alter auf einem früher sicher luxeriöseren Markt in der Innenstadt treffen durfte, die Benny und mich ganz den Zauber Lateinamerikas vermitteln konnte. Charisma und Intelligenz ausstrahlend rezitierte sie uns Gedichte, u.a. von Pablo Neruda, mit einer Intensität, die mich sehr ergriff. Und ohne ein einziges Mal zum Kauf anzuregen, zeigte sie ihre Kunstwerke – handgeschriebene, illustrierte Gedichte. Die Weisheit und der Geist eines langen Lebens in den Wirren der argentinischen Geschichte offenbarte sie uns in einem ziemlich langen Gespräch, bei dem sie viel von ihrem Leben erahnen liess. Solche wahren Künstler trifft man dann doch in Buenos Aires und für solche Erlebnisse lohnt es sich zu reisen und zu leben.

Wir waren auch glücklicherweise in der Museumsnacht in Buenos Aires. Endlich füllte sich einmal das Zentrum und das Flair einer lateinamerikanischen Grossstadt kam auf. Während die anderen eine Stadtmuseum ansahen, blieb ich als einziger draussen und hörte ganz eingenommen einer der engagierten Strassen-Latin-Jazz-Bands zu. Mit dieser bewegenden, emotionalen Latinomusik elite ich dann doch noch durch das Museum. Müsst ihr auch mal probieren, dadurch macht man eine ganz andere Erfahrung wenn man wieder rauskommt: Die Ausstellungsgegenstände, Zeugnisse der Stadtgeschichte und –kultur vereinen sich mit der Musik zu einer beeindruckenden Gesamtimpression.

Also, alles in allem ein toller Urlaub, bis ich zwei Tage vor der Abreise in meine E-mails schaute und eine Nachtricht von Johannes mit dem Betreff "schlechte Nachrichten" öffnen musste. Er schilderte mir die Geschehnisse in Santiago von Mittwoch und Donnerstag, als unser neues Haus von drei Jugendlichen ausgeraubt wurde. Es dauerte eine Weile, bis mir die Ausmasse des Ganzen recht bewusst wurden. Johannes hatte alles Gott sei Dank recht genau beschrieben, sodass ich am gutes Bild der Situation bekam. Scheinbar wurde das ganzen Haus auf den Kopf gestellt und wertvolle Sachen mitgenommen. Ich hatte ja glücklicherweiese einiges mit, trotzdem wurde mir das Geld für Oktober und den Flug, insgesamt 350€, eine neugekaufte Musikanlage, die externe Festplatte mit Fotos und Musik von Freunden, mein deutsches Handy und einige Aufladekabel geklaut. Anfangs war auch nicht ganz klar, ob Kreditkarten, Kontaktlinsen fürs ganze Jahr und Wanderschuhe noch da waren. Insgesamt eine sehr blöde Situation, weil ich gerade mein Geld abgehoben hatte, den Flug noch bezahlen wollte und ja einiges im Urlaub ausgegeben hatte. Kurioserweise hatten Polizisten die auffälligen Diebe im Alter zwischen 12 und 16 Jahren sogar aufgefunden und die Sachen beschlagnahmt. Über Funk haben sie die den vor Ort ermittelnden Carabineros auch beschrieben. So konnte Johannes zwei Tüten seiner Sachen um zwei in der Nacht vom Kommisariat abholen, nur dass der Grossteil, darunter meine genannten Sachen, fehlten. Wir haben natürlich Anzeige gegen die Polizisten erstattet, die uns offensichtlich auch bestohlen hatten, doch davon kommen meine Sachen auch nicht wieder, im allerbesten Fall werden ein paar Carabineros gefeuert. Wahrscheinlichkeit gering.
Nun hatte ich keine Musik mehr (wer mich kennt, weiss, wie schlimm das für mich ist), wenig Geld im Oktober und das Schlimmste: keine Wohnung. Die anderen beiden Freiwilligen Rafael und Johannes, die später einziehen wollten, waren natürlich genauso verunsichert wie ich, ob man dort jetzt noch wohnen konnte. Für den Moment erstmal nicht. Die anderen begannen schon mit Wohnungssuche, während ich freundlicherweise erstmal mit Rafael bei seiner Familie, Mimi und Adrian, wohnen konnte, denn zurück nach Maipú wollte ich nicht. Dort hätte jegliche Organisation viel länger gedauert und ich hätte vel mehr Stress gehabt.
Jedenfalls hatte ich da eine recht schlimme Woche, weil ich nicht wusste, wie es weitergehen sollte und irgendwie alles auf einen Schlag schlecht aussah.
In der folgenden Woche konnte ich aber den Rest überzeugen, mit einigen Sicherheitsvorkehrungen doch ins Haus einzuziehen und mit dieser Entscheidung hat sich hier mittlerweile alles zum Guten gewendet.

Für die Sicherheit wurde einiges getan: wir haben jetzt eine Alarmanlage, die mit einer Securityfirma, dem Haus der Padres, den Carabineros und dem Santuario-Sicherheitsdienst verbunden ist. Ausserdem wurde ein deutscher Schäferund namens Chico angeschafft, den wir alle schon ins Herz geschlossen haben. Nachts ist das Haus also gut bewacht und tagsüber - insgesamt der grosse Vorteil, der sich indirekt aus dem Einbruch ergeben hat - bewacht eine 38 Jahre alte Frau das Haus, die nebenbei noch aufräumt, kocht, wäscht und saubermacht. Ruth wird von Maria Ayuda voll bezahlt, sodass wir eine kostenlose Haushaltshilfe haben, die auch noch mit uns Spanisch spricht, von ihrem ereignisreichem Leben erzählt, einen weiteren Einblick ins chilenische Leben gibt und uns wie eine Mutter umsorgt.

Seit November ist auch der vierte Voluntario Tobias von sener Gastfamilie hierher gezogen und seitdem haben wir auch finanziell recht gut ausgesorgt, denn wir bezahlen hier ja keine Miete, sondern nur die laufenden Kosten. Ein paar Möbel standen zwar schon da, aber am Anfang mussten wir schon noch einiges organisieren. Im Laufe der letzten Monate haben wir das Haus jedenfalls mehr als gut ausgestattet. Interessant ist, dass, immer wenn ich mein Haus beschreibe, alle den Riesengarten, Ruth, Gärtner, Kicker, teuerste Internetverbindung, Hund, usw. ganz gut finden, aber erst bei dem Wort Pool begeistert "Was?" rufen und mich zum tollen Haus beglückwünschen. Eine Piscina hier herzurichten, ist gar nicht so teuer, wenn man es zu viert bezahlt und die Hälfte noch von Adrian spendiert kriegt. Da hier immer die Sonne scheint, kann man jeden Tag bis in die Nacht baden; ich lebe hier in einem kleinem Paradies mitten in Santiago, besser als jeder Zivi in Deutschland, obwohl ich überhaupt kein Geld verdiene. Die Chilenen sagen immer, dass sie so einen Militärdienst auch gern machen würden.

Man könnte jetzt sagen, wenn man in so einem Haus lebt, ist es etwas komisch in einem Strassenkinderprojekt zu arbeiten, denn wenn man zu Hause ankommt, vergisst man leicht das Elend in den Armenvierteln. Der Gegensatz zwischen arm und reich ist wieder ganz präsent. Aber ich kann nichts für mein Heim, das mir von Maria Ayuda zur Verfügung gestellt wird und die Einkommensschere wird ein armer Freiwilliger aus Deutschland auch nicht schliessen, d.h. das einzig Sinnvolle, was man machen kann, ist im Kleinen zu helfen, wie es in der eignen Macht steht und das tue ich weiterhin neun Stunden am Tag.

Im Projekt weiss ich mittlerweile, wo es lang geht, verstehe auch die ständigen, komplizierten Witze besser und komme mit den Mitarbeitern gut aus. Gerade mit Tía Sara in der Küche kann man üiber alles reden und zusammen mit Tía Pamela sind die beiden ein unschlagbares Gute-Laune-Witz-Team, das sogar den missmutigsten Strassenjungen aufmuntert. Tía Pamela hat schon lange Zeit in verschiedenen Kinderheimen mit weitaus schlechteren Voraussetzungen gearbeitet und es ist immer wieder beeindruckend, wie sie das Spiel der Erziehung mit unglaublicher Erfahrung, Lebensfreude, Energie, Kreativität, Witz und Durchsetztungskraft gewinnt, obwohl es bei ihr selbst privat belastende Probleme gibt. Absolut bewundernswert!
Ich mache alle Arbeiten noch gern, sei es Wäsche aufhängen oder kehren, denn ich kann auch viel Zeit mit den Kindern verbringen. Meistens passe ich auf sie auf und besonders mit der Gruppe am Morgen funktioniert das Verhältnis mittlerweile so gut, dass ich sie einige Stunden allein beschäftigen kann, ohne Zwischenfälle und Aufreger. Letzte Woche haben wir einen gesamten Vormittag alle zusammen ein spontanes Spiel erst mit Spielzeugfiguren und dann in echt gespielt, alle haben sich einen Geburtstag vorgestellt und ihn mit vertrockneten Blättern als Hauptgericht, einer Lufttorte und Spielzeuggeschenken feierlich begangen, wobei hinterher sogar das Abspülen des verschmutzten Geschirrs selbstverständlich war. Im Prinzip ging es wie in einem normalen Kindergarten zu, Zeichen, die Hoffnung machen, genau wie der Schulabschluss einer Ehemaligen, die mit 6,3 (7 ist Maximum) jetzt Jura studieren wird und sich auch darum kümmert. Es gibt also positive Richtungsweiser, auch wenn man mit der Zeit das schwierige Leben der Familien besser versteht. Zu sechzehnt in einem kleinen Haus ohne Dusche ist schon prekär, genauso wenn man von Familien mitkriegt, wo die Mutter ihre Kinder den ganzen Tag frei auf der Strasse lässt, der Vater "in der Nacht arbeitet", die Hunde mit im Bett schlafen, die Eltern Alkoholiker sind, trotzdem eine Computer haben (niemand weiss, woher), den Eltern selbst die Kleinsten beim Sex zusehen und am Ende die Kinder das vulgäre Leben der Eltern übernehmen.
Es ist oft schwer mit diesen Kindern umzugehen, die weder Konzentration, Manieren noch Gehorsam gewohnt sind und natürlich immer abends zu den Eltern zurückkehren, die für sie ja Vorbild sind und an die sie biologisch gebunden sind.
Diesen Kindern bringe ich jetzt etwas am Computer bei; wir haben jetzt nämlich drei Computer aufgerüstet, saubergemacht und mit Internet versehen. Eine gute Aufgabe für mich, da ich mich oft besser auskenne als die Tíos hier und auch alles ganz gut erklären kann. Das geht natürlich nur in kleinen Schritten, aber Word, Paint, Windows und Internet Explorer gehören eben zum heutigen Leben dazu. Wir arbeiten immer ein bisschen, z.B. wird ein Dokument in Word zur Lieblingsband gestaltet und dann dürfen Videos angeschaut oder Minispiele im Internet gespielt werden. Es ist nicht so einfach, wie sich das jetzt vielleicht anhört, auf Spanisch immer alles zu erklären, klare Anweisungen zu geben und das in einem Metier, indem sich das Kind noch nicht auskennt und gleichzeitig immer das Laden von Ballerspielen zu verhindern, aber mit der Zeit wird das schon gehen. Jedenfalls ist das eine Aufgabe, die mich herausfordert, Spass macht, sinnvoll ist und für die ich geeignet bin. Was will man mehr?

Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich zur Zeit hier umfassend glücklich bin - ein sehr seltener Zustand. Ich lache viel und es fehlt an nichts. In Chile bin ich angekommen, man hat schon so die Ahnung langsam, wie der Alltag abläuft und ich bin froh, dass mir noch so viel Zeit bleibt, alles besser kennenzulernen, Spanisch zu perfektionieren und mit den tollen Leuten hier zusammen zu sein. Sowohl die sechs anderen Deutschen, als auch die Chilenen, die hier mittlerweile ein- und ausgehen, sind sehr gute Freunde geworden und das interkulturelle Beisammensein ist sehr bereichernd. Zur Zeit möchte ich nicht zurück sondern geniesse einfach das tolle Leben hier.
In diesem Sinne
Einen schönen Advent, obwohl ich gedanklich vom Advent so weit weg bin, wie mein Jesús von den Manieren im englischen Adelshaus.

PS: vom Urlaub gibts nächstes Mal mehr
Überschwemmung in Quilmes

Freitag, 7. Dezember 2007

Chilenischer Advent in meinem Projekt


In Chile dürfen im Advent zwei Sachen auf keinen Fall fehlen:

1) der kitschig geschmückte Weihnachtsbaum (oft auch mit künstlichem Schnee und das bei 30 Grad Celsius)

2) Tanz und Fiesta

Beides muss natürlich schon im Kindesalter präsent sein, darum gibt es das auch in meinem Projekt.

Sonntag, 25. November 2007

Tanzen im Kindesalter

In einem lateinamerikanischem Kinderprojekt muss man natürlich schon früh anfangen, tanzen zu lernen. Hier erfreuen sich Kevin, Ayline und Neigerli ihres rhythmischen Lebens.

Las fiestas patrias

So, dann aktualisieren wir mal wieder den Blog mit der letzten Rundmail. Viel Spass.


Liebe Unterstuetzer, Freunde und Bekannte,

nach einiger verflossener Zeit habe ich mal wieder etwas Zeit ueber meine Erlebnisse in Santiago zu berichten. Wie versprochen geht es erstmal um die Fiestas Patrias, die auch schon wieder zwei Monate her sind.
Irgendein Tag im Jahr musste fuer die ueberschaeumenden Patriotismusausbrueche der Chilenen geopfert werden, also waehlte man den 18. September aus, den Tag der Ausrufung des chilenischen Parlaments. Es ist sehr zweifelhaft, dass Chile genau seit diesem Tag unabhaengig ist, noch dass die gefeierten Personen das Land allein befreit haben, aber eigentlich geht es ja auch nur darum, stolz auf Chile zu sein und mal so richtig die Sau rauszulassen.
Dieses Jahr sollte es besonders exzessiv werden, da die beiden offiziellen Feiertage 18. und 19. September auf Dienstag und Mittwoch vielen, Montag dadurch automatisch als Brueckentag freigegeben wurde und man dadurch schon am Freitag davor mit feiern anfangen konnte. Der "Geburtstag Chiles" muss aber, aehnlich wie bei uns Weihnachten, mit den Arbeitskollegen und allen Bekanntenkreisen vorgefeiert werden und so war an dem Freitag vorher eine Fonda (so werden die Feste um "den Achtzehnten" genannt) von Maria Ayuda und am Donnerstag vorher in meinem Projekt, d.h. die Vorbereitungen fuer die Fiestas Patrias fingen schon eine Woche vorher an.
Mittwochabend und Donnerstagmorgen verwandelten wir unser Haus "Casa San José" also in eine rot-weiss-blaue Dekorationshoelle und organisierten alles, was zu einer chilenischen Kinderfonda gehoert:

unendlich viele Lutballons
Suessigkeiten
ausreichende Zuckerwassergetraenke
1 Empanada fuer jeden
Schminke
Musik (Cueca, Reggaeton)
1 Animateur
ein Programm mit verschiedenen Spielen und Wettkaempfen zwischen drei Teams (alianzas)

Alle Kinder aller Gruppen, insgesamt circa 50, wurden am Eingang in Empfang genommen, entweder der roten, weissen oder blauen alianza zugeordnet und verbrachten einen lustigen, spannenden Abend voller Gekreische, Enthusiasmus und Musik. Hier ein Video vom Abschlusstanzwettbewerb.
Man sieht die etwas älteren Kinder aus der Umgebung, die immer nach um sechs kommen, mit denen ich also nicht soviel zu tun habe. Danach läuft unsere Köchin, die herzallerliebste, fröhliche und manchmal etwas verrückte Tía Sara, durch das Bild... eigentlich lässt die sich nicht so gern fotographieren oder filmen.
Am naechsten Tag fand dann die Feier von Maria Ayuda auf dem Gelaende des Santuario statt. Man hatte im Freien eine Buehne und ein Buffet aufgebaut und ein Asado (Grillfest) organisiert. Die Mitarbeiter aller Projekte von Maria Ayuda waren eingeladen und hatten etwas zur Vorbereitung beigetragen. Mit den anderen Freiwilligen Johannes, Magdalena und Rafael aus Deutschland und Rosanna aus Mexico wohnten wir zunaechst der Messe bei. Es wurde viel ueber das schoene Land Chile gepredigt, alle Lieder nur im Cueca-Stil begleitet und die Uebersetztung des Wortes "PAtria" ins Deutsche erklaert: naemlich Vaterland und Heimat, wobei man wieder einmal merkt, dass die deutsche Sprache viel genauer ist als die spanische, denn Heimat kann man so nicht richtig uebersetzen. Ausserdem war es den Chilenen nicht peinlich, dass ein komplett verkleideter Hauso (=Gaucho) einen Cueca-Tanz mit/vor dem Bild der Jungfrau Maria tanzte. Das war ganz normal und zeigt nur die religioes-patriotistische Verbundenheit mt der Heiligen Jungfrau. Nach dem Gottesdienst und der gesungenen Nationalhymne begann die eigentliche Fonda, die sich im Grunde kaum von der Kinderfonda in meinem Projekt unterschied. Wenn es darum geht laut, ausgelassen und bunt zu feiern, Spiele zu spielen, Suessigkeiten zu verbrauchen und Spass zu haben, stehen chilenische Erwachsene ihren Kindern in nichts nach. Es wurde natuerlich ein grosses "Asado" gemacht und der Wein floss in Stroemen.
Es waere jedoch dem Beginn der Fiestas Patrias unwuerdig gewesen nach so einem Bisschen Wein um 17:00 schon aufzuhoeren, darum traf ich mich danach zur Fonda der Universidad de Santiago mit meiner Gastschwester Natalia. Auf dem ueberfuellten Campus der chemisch-pharmazeutischen Fakultaet konnte man eine richtig gute chilenische Studentenparty miterleben. Ueberall bruzelte Fleisch, das dem thueringer Rostgut eigentlich sehr aehnlich ist, diverse alkoholische Getraenke wurden mitgebracht und stilecht in Plastikbechern genossen. Besonders hervorzuheben ist hierbei die sogenannte Chicha, ein sehr suesses, schmackhaftes Weingetraenk, von dem 80% im September verkauft wird und das man als chilenische Spezialitaet nur empfehlen kann. Dazu spielte eine Live-Band Ska und die Menge tanzte voller Inbrunst und Kreativitaet bis in die Nacht.
Nach einigen Gespraechen ueber das Beste deutsche Bier und den besten chilenischen Wein sowie viel Spass bei der Fiesta fuhr ich alleine zurueck nach Maipú, um noch an zwei Geburtstagesfeiern teilzunehmen, denn man ist es hier ja gewoehnt, erst um eins in der Nacht mit feiern anzufangen, warum sollte man dann an den Nationalfeiertagen frueher aufhoeren?
Die Geburtstage sind hier ja sowieso der Anlass sich mit dem ueblichen Freundeskreis zu treffen, Reggaeton zu tanzen, die Spendabilitaet des Gastgebers zu geniessen und eben zu feiern. Ich traf einige Freunde von Natalia und Sergio wieder, wodurch ich den zweiten Fondatag erst ziemlich speat beenden konnte. Der Partymarathon der Fiestas Patrias hatte damit aber erst begonnen.
Den Samstag verbrachte ich ganz ruhig mit meiner Familie, um diese nicht zu vernachlaessigen, denn die Fiestas Dieciocheras (Feiern des Achtzehnten) verbringt man viel mit seiner Familie.
Am Sonntag wollten wir zu einer etwas traditionelleren, ofiziellen Fonda in Santiago gehen, was sich als eine Art Weihnachtsmarkt auf chilenisch am Parque O'Higgins herausstellte. Da hier die Nationalfeiertage das zweitwichtigste Fest nach Weihnachten sind, passt der Vergleich mit einem thueringer Weihnachtsmarkt ganz gut. Ueberall gab es Staende mit chilenischen Backwaren ( z.B. churros), chicha, anticucho (Grillspiess) und weiteren Spezialitaeten, Saele mit Cueca, ueberteuerte Preise und als es dunkel wurde kam fuer mich dann doch ein bisschen die typische Weihnachtsmarktstimmung auf, denn im Winter wird es in der Nacht sehr schnell kalt. Und das im September - verkehrte Welt.
Die naechsten zwei Tage waren die Voluntarios Johannes, Magdalena, Rossana und ich bei der Familie von Rafael und seinem Gastbruder Nico eingeladen. Im Ort San José, im Cajón del Maipo, ausserhalb der Stadt, richtung Anden fand die riesige Familienfonda statt. Die Familie gehoert zur unteren Oberschicht, besonders auf das Essen wird viel Wert gelegt, deswegen folgt jetzt eine Beschreibung der ueblichen Gaenge:
Im Stehen trinkt man erstmal Dosenbier und iss zum Beispiel eingelegte Oliven. Dabei fangen die Maenner langsam an den Rost zu preparieren, es ist so ungefaehr halb eins. Daruafhin wird auf Tabletts Pisco Sour oder Mango Sour herumgereicht und dazu Kaese- oder Fleischempanada gegessen, DIE chilenischen Spezialitaeten. Als Naechstes, immer noch im Stehen, ein Sueppchen mit viel Gemuese und wenig Fleisch, dazu Fruechtebowle, wobei auf dem Rost schon die ersten Wuerste gut werden. Die isst man denn im Broetchen und trinkt Wein dazu. Das sogennante Churipan ist im Allgemeinen das Zeichen, dass der Hauptgang bald beginnt.
Es wird sich hingesetzt, Wein nachgeschenkt, sich Huhn, Rind oder Schwein in allen Variationen aufgetan und verschiedene Salate serviert. Das ist so gegen halb vier, da kann man dann auch viel essen, man hat ja schliesslich lange gewartet. Danach wird z.B. Rumcola gemixt und wer noch kann, verspeisst Ananasringe mit Sahne. Es ist erstaunlich, wie viel man an so einem Nachmittag zu sich nehmen kann, obwohl das natuerlich dann fuer den ganzen Tag reicht.
Nach diesem Geschlemme machten wir jedenfalls mit den Juengeren der Grossfamlie einen Verdauungsspaziergang durch San José, den ich noch von meiner ersten Chilereise wiedererkannte. Es war schon bewegend, wieder an den ganzen Orten zu sein, die wir auch damals mit der ganzen Klasse besucht hattten.
Um sechs fuhren wr dann mit Bus frueher als alle anderen zurueck, um eine Fonda von Nicos Freundeskreis nicht zu verpassen.
Wieder gab es zwei Bands, die spielten, man lernte viele Leute kennen, die ich noch oefter sehen kann, da sie alle aus La Florida kommen, dem Stadtteil, in dem jetzt mein neues Haus ist. Wir tanzten alle bis zum fruehen Morgen - Deutsche inmitten einer lateinamerikanisch tanzenden Menge... ich denke, wir haben uns alle ziemlich gut geschlagen.

Nun kam endlich der 18. September, eigentlicher Anlass der Feiertage und Hoehepunkt (auch fuer mich persoenlich) der Fiestas Patrias.
Nach einem sehr kurzen, spaeten Fruehstueck (man muss seinen Hunger ja fuer das Mittagsmahl aufheben) fuhren wir 50km nach Sueden, in den zerstreuten Ort Aculeo, der an einer Lagune in einem Talkessel der Cordillera de la Costa liegt. ein wunderbar blauer himmel, wie es ihn hier oft gibt, praegte die Stimmung des Tages. Zum ersten Mal war es richtig warm, als wir am See ankamen.
Am Ufer der Lagune machten wir nur einen kleinen Zwischenstopp um die Schoenheit des blauen Wassers von Nahem zu betrachten. Dann wurden wir in die absolute Oberschicht Chiles eingefuehrt, als wir zum Haus eines Freundes von Rafaels chilenischem Vater, Adrian, gebracht wurden. Dieser Dueño hat eine kubanische Frau, viele Beziehungen und ist Besitzter eines kompletten Hanges dieses Talkessels. Er hatte vor vielen Jahren, als die Preise noch billig waren, den Teil mit der schoensten Aussicht gekauft, nutzbar gemacht und verkauft davon grosse Grundstuecke duer die Sommer- und Wochenendhaeuser der Reichen. Oben in der Villa angekommen, konnte man den See ueberblicken und aus dem Talkessel hinausschauen, nach dem sich die ganze Breite des Valle Central erstreckt und an den schneebedeckten Bergriesen der Cordillera de los Andes endet.
Chile pur!
Natuerlich wurde wieder bis um fuenf geschlemmt und Spiele veranstaltet, wobei man sich mit den anderen Grundstuecksbesitzern traf.
Eine Cueca-Gruppe und Entertainer waren engagiert, das Schwimmbad geoeffnet, es gab Wein und Geld zu gewinnen, Pferdereiten wurden kostenlos angeboten, kurzum das ganze Amusement der Reichen und Erfolgreichen konnte genossen werden. Das war schon beeindruckend.
Abends, nach diesem ueberwaeltigendem Tag zurueck in Santiago, gab es selbstverstaendlich wieder eine Party mit dem jungen Volk, aber etwas entspannter als die letzten Tage. Ich unterhielt mich recht lange mit Rossana, der mexikanischen Freiwilligen, die, bevor sie bald zurueckkehrt, unbedingt noch nach Buenos Aires wollte. Da ich Benny schon die ganze Zeit besuchen wollte, beschlossen wir, spontan ein paar Tage in die argentinische Hauptstadt zu fliegen.
Der 19. September ist der Tag des Militaers. Eigentlich wollten wir zur dreistuendigen Militaerparade im Zentrum Santiagos gehen, aber wir waren ziemlich geschafft von den letzten Tagen und zogen es also vor, die Parade, so wie alle Chilenen, im Fernsehn zu verfolgen, noch einmal die Gastfreundschaft von Adrian und Mimi zu missbrauchen und im Stile der vergangenen Tage Mittag zu essen. Ein Haufen exquisiter Meeresfruechte und brasiliainisch zubereiteten Fisch assen wir beim Trommeln der Marschmusik und den Bildern von Panzerfaust und Luftabwehr.
Ich habe jetzt viel ueber diese fuer mich sehr beeindrucenden Tage berichtet. Es ist sehr interessant auch die reiche Seite Chiles zu entdecken, weil es ja auch da neue und nette Menschen gibt und es generell den Horizont erweitert. Was ich danach erlebt habe, z.B. der Trip nach Buenos Aires, muss ich nun wohl auf die naechste Rundmail verschieben.
Ansonsten glaubt bitte nicht, dass hier immer so viel gefeiert wir, diese Feiertage waren wirklich aussergewoehnlich. Ein ganzes Land isst, trinkt und tanzt!
Jedenfalls kann man in Chile, wenn man viel Geld und Beziehungen hat, unglaublich gut leben.
Wenn.

Mittwoch, 26. September 2007

Leben in der Andenmetropole



Meine zweite Rundmail in etwas verkürzter Form:

Mein erster Monat hier ist vorbei und es war einer der erlebnisreichsten in meinem Leben. Mittlerweile treffe ich mich mit deutschen und chilenischen Freunden und bin so richtig in Santiago angekommen.
Klar geworden ist mir das bei einer Feier im Zentrum der Stadt (Metro: Los Leones). Es war eine Wohnungseinweihung in einem neugebauten, modernen Hochhaus, wobei die carrete (chilen.: Feier) auf dem Dach stattfand. Mit Pool, Riesenrost und Tanzflaeche ausgestattet, hatte man einen atemberaubenden Ausblick ueber Santiago bei Nacht, den Río Mapocho und das Zentrum des Nachtlebens, wobei einen die weisse Statue der Jungfrau vom nahegelegenen Huegel „Cerro San Cristobal" ueberwachte. Ich haette die ganze Nacht damit verbringen koennen, die blinkenden Hochhaeuser zu betrachten und in der Metropole zu schwelgen. Doch dazu war die Party zu gut.
In den Reichenvierteln der Stadt bekommt man von den teilweise schlimmen Zustaenden der Armen nichts mit. Man lebt mindestens auf Europaniveau. Die Strassensind sauber, die Einkaufstueten gut gefuellt, Bettler sieht man kaum und alle Welt ist gut gekleidet.
Am aussagekraeftigsten sind eigentlich die Menschen in der Metro. Die Zuege im Norden sind gefuellt mit beschaeftigt aussehenden Maennern in schwarzen Anzuegen, inklusive Hut, Lackschuhen, Aktentasche, Schirm, Sonnenbrille und Lederhandschuhen, die ganze Palette – und das dazu gehoerende weibliche Pendant. Nimmt man eine der drei Nord-Sued-Verbindungen, aendert sich das Bild allmaehlig, die Sachen werden zunehmend normaler, aelter und schmutziger.
In der im Sueden gelegenen Linie L4A, wo sich auch die neugebaute Station „La Granja" befindet, sieht man hoechstens einmal ein abgetragenes Jackett, ansonsten ueberwiegen die Trainingsanzuege.
Die Menschen im Sueden der Stadt versuchen sich normal und unauffaellig zu kleiden, so merkt man ihnen die Armut nicht immer an, wenn sie sich einer der zahlreichen, unvorstellbar grossen Malls bewegen, aber in ihren Vierteln, Bussen und der Linie L4A ist man in einer anderen Welt.
Die Kinder aus dem Stadtteil „La Granja" (población san gregorio), wo ich arbeite kennen nur diese Welt. Das weiteste, was der 10-jaehrige Jesús je besucht hat, sind die Berge am Rande Santiagos.
Wir haben einige Ausfluege mit den Kindern gemacht, mit einem Bus, den Mariaayuda zur Verfuegung stellt, in der Stadt, aber das ist schon weit. Die Unterscheidung zwischen Stadt, Land und Kontinent faellt auch den aelteren schwer; Deutschland oder Europa koennen sie sich, glaube ich, schwer vorstellen.
Manchmal ist die Arbeit wie in einem normalen Kindergarten in Deutschland, weil das natuerlich Kinder wie alle sind, die verschiedene Sachen erst lernen muessen. Man kriegt mit der Zeit aber schon mehr von den Schicksalen der Kinder mit.
In der Regel haben sie niemanden, der sie im taeglichen Leben anleitet und ihnen sagt, wann und dass sie aufstehen, zur Schule gehen, essen, sich waschen, ..., etc. sollen. Nur mit Glueck kriegen viele auch am Wochenende Essen, die Moeglickeit zu Duschen und saubere Sachen. Die meisten fehlen oefters in der Schule und haengen dadurch hinterher. Ansonsten verbringen sie ihre Zeit mit „nichts", d.h. auf der Strasse.
Durch das Projekt wir dieses Leben deutlich aufgewertet, Tía Pamela und Tío Rodrigo sind quasi Mama und Papa der Kinderschar, es kommen recht haeufig Gruppen und Organisationen, die auf ganz verschiedene Art und Weise helfen ( z.B. Tiermediziner, die erklaeren, warum man nicht mit einem Hund in einem Bett schlafen sollte) und es werden Wochenendsausfluege einfach in der Woche gemacht.
So hatten wir durch den Bruder der Tía Pamela die Moeglichkeit kostenlos in den Freizeit- und Erlebnispark Santiagos, Fantasilandia, reingehen zu koennen.
----> siehe letzter Post

Ich steige hier also mehr und mehr hinter das chilenische Leben und dadurch, dass ich in einem Elendsviertel arbeite, beim Mittelstand wohne und in den Reichenvierteln meine Wochenenden verbringe, sehe ich, glaube ich, teilweise mehr als so mancher Chilene.
Man kriegt auch mehr von den Dingen mit, die das Land beschaeftigen. Nahezu jeden Tag berichtet das chaotische chilenische Fernsehen ueber den schlechten Zustand des „Transsantiago", dem staedtischen Transportsystem. Und der 11. September, Tap des Pinochet-Putsches, 1973 verlief verhaeltnismaessig ruhig, mit nur einem toten Polizisten und Stromausfall.
Das naechste Grossereignis das allerdings ansteht und sehr viel wichtiger ist, sind die „fiestas patrias", die Nationalfeiertage oder der Geburtstag Chiles, wie es den Kindern erklaert wird.
Der eigentliche Feiertag ist Dienstag, der 18. September, aber auch Montag und Mittwoch sind frei. Diese Tage sind die wichtigsten nach Weihnachten und jedes Jahr aus Neue freuen sich die Chilenen wie bloed auf diesen Partymarathon, an dem alle chilenische Empanadas essen, einen speziellen chilenischen Wein trinken, alles mit Fahnen, Nationalsymbolen (escudo) und Nationalblume schmuecken, den Nationaltanz (cueca) tanzen, sich wie huasos (vergleichbar mit argent. gauchos) kleiden, traditionelle Spiele spielen und die Zeit so chilenisch wie moeglich verbringen. Ich schau mir das alles mal an und sag euch dann wie es war.
Anfang Oktober werde ich dann in eine WG mit zwei Deutschen und zwei Auslaendern ziehen. Ich war schon zweimal in dem Haus, das uns Mariaayuda zur Verfuegung stellt. Wir bezahlen nicht allzu viel Miete; Kueche, Bad, Wohnzimmer - alles vorhanden. Ich freu mich schon total darauf, mein Zimmer einzurichten und dort unabhaengig zu wohnen. Es ist genau das, was ich gesucht habe, was in Santiago nicht so leicht zu bekommen ist, da eine Wohnung eigentlich zu teuer ist und man nachweisen muss, dass man zahlen kann. Ausserdem liegt es zwei Metrostationen von miner Arbeit entfernt, naeher am Zentrum und die naechste Mall ist zu Fuss erreichbar.
So werde ich mehr auch unter der Eoche machen koennen, da ich Zeit im Bus spare, alles besser erreichbar ist und ich unabhaengig bin.
Auch auf meiner Arbeit aendert sich einiges:
Da jeden Dienstag und Mittwoch fuer die Monate September und Oktober die beiden Erzieher fehlen, habe ich die Kinder mit einer komplett neuen Vertretung alleine. Das ist natuerlich anstrengender und fordert von mir, dass die Kinder auf mich hoeren. Das ist gar nicht so einfach, auch wenn es meistens fuer mich nicht so viele Kinder sind, nie mehr als acht. Ich glaube aber, dass ich das ganz gut mache, zumal ich noch nie fuer eine Gruppe von Kindern verantwortlich war. Am Schwierigsten ist eine Familie mit fuenf Geschwistern, die auf einem Markt aufgesammelt wurden. Die hoeren eigentlich ueberhaupt nicht, aber man muss die Hintergruende wissen. Sie wurden von der Mutter verlassen und haben wohl als Kleinkinder auch zu wenig zu trinken und zu Essen gekriegt. Tía Pame meint, bei einigen von den Fuenzalidas ist dadurch etwas zerstoert worden. Dadurch sind sie etwas schwieriger und brauchen mehr Aufmerksamkeit, auch wenn das nicht immer einfach ist.
Obwohl es anstrengender ist, ist es eigentlich gar nicht so schlecht, mehr gefordert zu werden, denn das ist ja gerade der Unterschied zwischen Zivi und aDiA, bei dem es erlaubt ist, auch erzieherische Aufgaben zu uebernehmen, was man ja beim Zivi nicht darf.
Also, ich sehe froehlich in die Zukunft, denn bald hab ich meine eigenes Haus und Ende Oktober kommt auch schon meine ehemalige Lehrerin, Anne Nickel-Gemmecke, mit dem naechsten Chileaustauschskurs vorbei, worauf ich mich sehr freue. Wir sprechen gerade ab, wie die Schueler auch was von meinem projekt sehen koennen.
Vielleicht komm ich im Oktober auch noch nach Buenos Aires, man muss es ja nutzen, wenn man hier so nah ist.


Vielen Dank fuer die vielen Antworten, ich hoffe ich konnte einiges beantworten, ansonsten meldet euch weiter, ich freue mich auf feedback, ein Austausch foerdert ja immer am meisten.

Bis bald

Kinder, mit denen ich arbeite

Kinder, mit denen ich arbeite
Carlos (3), Nicole(4), Sebastian (3) - mit Lieblingsteddy Luchin