Da melde ich mich mal wieder:
das hier ist die rundmail, die an alle Freunde und Unterstuetzer verschickt wurde:
Beginnen wir mit dem Flug vom 01. bis 02. August von Frankfurt über Madrid nach Santiago. Gebucht bei Iberia bin ich erstmal mit einem unbequemen Billigflug zweieinhalb Stunden nach Madrid geflogen. Nach halbstündiger Odyssee von einem Ende des Flughafen Barajas zum anderen und 50 gelesenen Harry Potter Seiten mehr ging es dann mit LAN-Chile und einem sehr komfortablen Flug 17 Stunden nach Santiago. Die Stichworte "leckres Essen" "wenig Schlaf" "pennender Sitznachbar" und "Platz in der Mittelreihe, sodass man überhaupt nix von der Aussenwelt zu sehen bekommt!!" sollten reichen um den Flug zu beschreiben.
Um 7:30 Ortszeit an einem Donnerstag angekommen, sechs Stunden später als in Deutschland, musste man die üblichen Warteschlangen an Visumkontrolle, Zoll und Gepäckausgabe passieren und durfte dann ins kalte Santiago.
Nun kam ich mit meinem überfüllten Gepäckwagen aus dem Ankunftsterminal. Man bekommt das unangenehme Gefühl, das diverse Promis ständig geniessen dürfen, wie es entsteht, wenn man von einer Menschenmenge empfangen wird, die voller Plakate, bzw. Schilder mit Namen wimmelt und die einen irgendwie anbrüllt. Der Vorteil der Stars ist, dass sie am Ende des Gangs dann nicht in die selbe Menge geraten und etliche hundert Taxiangebote, Unterkunfts- oder Transportofferten ablehnen müssen. Ich wusste leider nicht genau, wer von meiner Gastfamilie mich abholen würde und fand es die nächste halbe Stunde auch nicht heraus. Blöd, wenn man gleichzeitig auf vier Taschen und die Hosentaschen aufpassen muss und dann auch noch ein Gesicht in der Menge wiedererkennen soll.
Nach einem kurzen Anruf ging aber alles glatt, ich wurde vom Vater meiner chilenischen Familie, Alejandro (eigentlich José Alejandro Padilla Padilla), entdeckt und ich konnte mit ihm den Flughafen endlich verlassen.
An diesem frühen Morgen in Santiago waren es nur 3 Grad Celsius, ich musste mir erstmal etwas überziehen. Die halbstündige Fahrt in den Südwesten der Stadt, wo sich für den ersten Monat meine Wohnung befindet, reichte, um voll in die Metropole einzutauchen. Der Verkehr, die Busse, die Chilenen, die vom Smog eingehüllten Anden, das Chaos auf den teilweise improvisierten Strassen, Müll, Dreck und der Geruch der Stadt wirken zuerst sehr negative, obwohl ich es nicht so empfand. Mich mit Alejandro zum ersten Mal wieder auf chilenischem Spanisch unterhaltend, konnte ich so richtig realisieren, dass ich tatsächlich in Chile angekommen war und die umfangreichen Vorbereitungen des letzten Jahres erfolgreich waren.
Meine Austauschschülerin vom letzten Aufenthalt in Chile (2005, 3 Wochen im Oktober), Natalia, konnte ich auch zu Hause begrüssen, weil sie ihre ersten Vorlesungen ausfallen lassen hatte. Der fast dreijährige Sebastian und die Mutter Ximena waren auch anwesend, nur die 15 jährige Alejandra war in der Schule, dem Colegio Santa Úrsula – eine deutsche Ursulinenschule, mit der wir 2005 den Austausch hatten.
Wir hatten natürlich viel zu bereden, nachdem wir uns fast zwei Jahre nicht gesehen hatten.
Dann erhielt ich einen Anruf von meiner Betreuerin, Maria José Guzman, bei Mariaayuda ("Maria hilft", vergleichbar mit der deutschen Caritas), der chilenischen Überorganisation meiner Arbeitsstelle. Sie lud mich zu einer Willkommensfeier noch am selben Abend ein.
Also ging ich mit Natalia, die mich freundlicherweise begleitete, um sechs los, um 19:00 Uhr im Südosten Santiagos zu sein. In der Nähe des "Santuario", der Heiligenstädte der Mönche bei Mariaayuda, trafen wir andere Freiwillige, die Mehrheit von ihnen hatte gerade ein Freiwilligenjahr, bzw. –monat absolviert. Noch ein Wort zur Religiösität bei Mariaayuda. Wie der Name schon vermuten lässt, ist die Organisation, eine marianisch geprägte, katholische Institution, die neben dem Wohltätigkeitsaspekt viel Wert auf Spiritualität in den Projekten und im Alltagsleben legt. Die Padres gehören ausserdem der aus Deutschland stammenden Schönstattbewegung an (
http://www.schoenstatt.de/,
http://de.wikipedia.org/wiki/Schönstatt-Bewegung,
http://www.santuarios.schoenstatt.de/).
Es war alles ganz nett, einer der Mönche referierte über die Pläne, die Mariaayuda für das nächste Jahr hat und gab uns eine Einführung in die Organisation, die für mich in dieser Zeit in übergeordneter Rolle zuständig ist.
Ich lernte ausserdem Johannes kennen, einen Freiwilligen aus Tübingen, der auch ein Jahr in einem Projekt von Mariaayuda arbeitet. Ausser ihm waren da noch drei Spanier und ein Deutscher, die Chile schon verlassen haben, sowie drei Chilenen, die ein neues Projekt gegründet haben.
Mit der Zeit wurde es allerdings etwas anstrengend, den spanischen Diskussionen zuzuhören, da es für mich bereits gegen vier Uhr morgens ging (noch die deutsche Zeit).
Irgendwie fuhren wir dann auch mit irgendwelchen Bussen durch die nicht enden wollende Stadt nach Hause – ohne Natalia wäre ich wohl nicht zurückgekommen.
Freitag musste ich Gott sei Dank nicht zur Arbeit und ich nutzte die freie Zeit bis Sonntag um mich zu erholen, mich ans chilenische Leben zu gewöhnen und alte Freunde wieder zu treffen (Sergio, Steffi, Carina…).
Am Sonntag wurde Sebastians 3. Geburtstag vorgefeiert – ein Fest, bei dem ich die gesamte Familie kennenlernte und die Zeit bei einer typisch lateinamerikanisch kitschigen Feier mit viel ungesundem Essen, aber auch viel Herzlichkeit, kurzweilig verbrachte.
Montag stand dann mein erster Arbeitstag bevor, an dem ich, wie auch sonst immer, 7:15 Uhr aufgestanden bin, kurz gefrühstückt habe, um dann kurz nach acht zum Bus befahren zu werden, der mich halb Santiago durchquerend, zur Arbeit in den Stadtteil "La Granja " brachte. Besonders das Viertel San Gregorio, wo sich mein Projekt "Acógeme" befindet, ist eins der ärmsten in Santiago , die Häuser grösstenteils aus Wellblech oder Holz; Drogenkonsum und Kriminalität sind hoch und steigen jeden Tag. Jeder Chilene aus einem clase-media-Viertel reagiert mit Entsetzen, Furcht und fast schon ein bisschen Mitleid, wenn du ihm deinen Arbeitsplatz nennst. Aber bis jetzt ist noch nichts passiert.
Jedenfalls begleitete mich deswegen beim ersten Mal auch María José, wodurch ich sicher zur Arbeit gekommen bin, die glücklicherweise sehr nah an der neugebauten Metro- und zugleich Busstation liegt. Die Corperación NAIM besteht aus zwei zusammengeschlossenen Häusern mit einer für chilenische Verhältnisse sehr modernen Einrichtung. Das Geld, das Mariaayuda und Contigo jährlich spenden wird meiner Meinung nach sehr sinnvoll für die Ausstattung und genügend Personal ausgegeben.
1 Psychologin, 2 Sozialarbeiterinnen, 3 Erzieher, 1 Sekretärin, 1 Direktorin, 1 Köchin, 1 Familienbetreuerin und 2 deutsche Freiwillige kümmern sich um bis zu 30 Kinder am Tag. Die kommen Vor- oder Nachmittag, abhängig von der Schulzeit, bzw. auch von Lust und Laune. Zuerst wird geduscht , dann gegessen und anschliessend gespielt oder Aufgaben werden gemacht. Die Betreuer kümmern sich liebevoll um die Kinder, man merkt, dass ihnen die Arbeit am Herzen liegt - das Arbeitsklima ist wunderbar.
Insgesamt bin ich sehr froh über die Arbeit, denn es macht Spass, sogar abwaschen, denn die Köchin, Tía Sara, ist total fidel, lacht ständig und macht alle auf herzliche Weise dumm. Der Rest der Kollegen ist zumindest ansatzweise genauso, ich komme mit allen super klar; zusammenfassend kann man sagen, dass ich sehr Glück mit der Arbeitsstelle habe, die ich ja vorher nicht kannte und in der ich ein Jahr verbringen muss. Ich denke aber, dass mir das nicht sehr schwer fallen wird.
Bis jetzt mache ich noch alle Arten Arbeit, sei es einkaufen, in der Küche arbeiten, Klamotten aufhängen oder sonst helfen. Die meiste Zeit verbringe ich jedoch mit den Betreuern und passe auf die Kinder mit auf. Darüber bin ich sehr froh, denn das ist ja der eigentliche Sinn. Es ist abwechslungsreich und wird ab nächsten Monat etwas geordneter, wenn wir zusammen mit der Chefin einen Arbeitsplan erstellen.
So professionell und ideal meine Aufnahme hier war, ist auch die Betreuung für die Strassenkinder. Es gibt echt aussreichend Personen, die sich kümmern, für Essen, Hygiene, altersgerechte Beschäftigung und Spielzeiten ist gesorgt und alles ist darauf abgestimmt, in welcher Situation sich die Kinder befinden.
Man muss viel über die Kinder wissen und das Viertel kennen, um das Leben dort richtig einschätzen zu können. Letzte Woche hat es z.B. geschneit, was für die Menschen in den unbeheizten Häusern sehr hart ist, zumal das hier nicht oft passiert. Ausserdem kümmert sich bei vielen Kindern in der Familie niemand um sie und sagt, dass sie aufstehn und in die Schule gehen soll. Es fehlt ihnen an der elterlichen Liebe und Erziehung. Das sieht man den Kindern im Projekt aber nicht so sehr an. Man bekommt die Ausmasse eher bei den Gesprächen zwischen den Angestellten, bei Gängen durch das Viertel um einzukaufen oder bei Hausbesuchen mit. Ich durfte allerdings erst bei einem teilnehmen und der ging in eins der besten Häuser.
Jedenfalls habe ich das Gefühl am richtigen Platz sinnvolle Arbeit zu verrichten, was mich sehr glücklich macht.
Allerdings ist nicht alles sehr glücklich hier in Santiago, die letzte Woche ging es mir ziemlich schlecht. Es ist fast unmöglich, aus dem deutschen Hochsommer kommend, in unbeheizten Häusern zu wohnen und zu arbeiten, jeden Tag mit überfüllten Bussen zu fahren, in denen die Hälfte niesst und hustet, und nicht krank zu werden. Nach zwei Besuchen bei verschiedenen Ärtzten und ziemlich viel ausgegebenem Geld, durfte ich eine Woche zu Hause bleiben. Ich hatte kaum was zu tun, konnte kaum Freunde sehen, auch um mich um eine Wohnung zu kümmern, die etwas weiter im Zentrum liegt. Irgendwann kann man dann auch nicht mehr schlafen und das war alles etwas anstrengend.
Aber zum Glück habe ich mich am letzten Freitag sehr lange richtig gut mit meiner Gastmutter über Gott und die Welt unterhalten, sodass ich mich mittlerweile richtig wohl fühle in der Familie. Ausserdem hatte mein bester Freund aus Argentinien angerufen, sowas baut natürlich auch immer auf und zufällig kamen Sergio und Steffi vorbei. Mittlerweile gehts mir wieder komplett gut, ich konnte heute wieder zur Arbeit gehn und freue mich auf die nächsten Wochen.
Ich hoffe, dass ich bald etwas Näheres an meiner Arbeit finde, denn zumindest auf dem Rückweg brauch ich aufgrund der chronischen Staus immerhin mindestens anderthalb Stunden.
So, das wars erstmal, ich kann mir gut vorstellen, dass ich irgendwas wichtiges vergessen habe, dass euch interessiert, also schreibt mir einfach und ich versuche das im naechsten Post mit aufzunehmen.
Ich wünsche euch eine schöne Zeit in Deutschland, bzw. Lateinamerika.
Ich melde mich bald wieder