Willkommen auf meinem Blog!

Hallo liebe Besucher, mit diesem Blog möchte ich die öffentliche Wirkung meines Auslandsaufenthaltes in Chile vom 01. August 2007 bis zum 31. Juli 2008 etwas erhöhen. Ich mache statt des Zivildienst den aDiA (anderer Dienst im Ausland) in einem Projekt für Straßenkinder in Santiagos Stadtteil "La Granja". Weitere Infos und aktuelle News finden Sie auf der folgenden Seite, viel Spaß damit, ich hoffe ich kann die Interessierten etwas bereichern...

Dienstag, 18. März 2008

Was für ein Sommer - Dezember bis Februar mit Sommerurlaub, Weihnachten bei 30º und bewegenden Erlebnissen

Der Sommer hier in Santiago geht im März zu Ende, schade eigentlich, denn in den letzten vier Monaten gab es ausschließlich blauen Himmel, Hitze und Sonnenschein. So war ich auch sehr gespannt auf Weihnachten und Silvester, zum ersten Mal bei hohen Temperaturen. Der Advent ist im Prinzip genauso konsumfreudig und kündigt "la pascua" an allen erdenklichen Stellen an. Doch es kommt nicht die gemütliche, behagliche Winterstimmung auf, wie in Deutschland. Im Gegenteil, alles ist viel extrovertierter. Die heilige Nacht an sich wird mit der engsten Familie verbracht, so war auch ich in Maipú bei Padilla-Calderons. Die Messe und Bescherung fanden erst spät in der Nacht statt wodurch wenigstens das Herzstück des Weihnachtsfests familiär, behaglich und irgendwie heilig war. Danach wird mit den Jugendlichen allerdings noch gefeiert, was bei uns unvorstellbar wäre. Bis Silvester haben dann alle Ferien - für mich war das Ganze eher wie Sommerurlaub.
Meine Chefin gab mir den Tipp, Silvester doch in Valparaíso zu verbringen, da wurde nämlich ein professionelles Feuerwerk veranstaltet. Das musste ich mir unbedingt anschauen, denn diese Küstenstadt hat ein Flair, das an das chilenische 19. Jahrhundert erinnert. Dort traf dann auch alles zusammen: Jung auf Alt, Tradition auf Moderne, Chilenen auf Deutsche und 400.000 Auswärtige auf 400.000 Einheimische. Mit 20.000 Menschen an einem Strand, der verzaubernder Kulisse Valparaísos und einem spektakulären, 20-minütigem Feuerwerk wurde dann auch ein gebührender Einzug ins Jahr 2008 gefeiert.
Sommer, Sonne, Sonnenschein - trotzdem gibt es Sachen, die nicht vergessen oder verdrängt werden können.
Im Dezember, vor Weihnachten, ließ mich die Geschichte einer Familie in meinem Projekt nicht mehr los. Die ganze Woche plagten mich schon Kopfschmerzen, weil ich mich für den Zwischenkurs in Bolivien gegen Gelbfieber hatte impfen lassen und dann die Symptome auftraten (damit löste ich schon in Deutschland den Alarm aus, Gelbfieber zu haben). Meine Chefin entschied dann kurzentschlossen, mich zu einem Artzt zu begleiten und schilderte mir dabei umfangreich die Vergangenheit unserer schwierigsten fünf Kinder. Ich hatte die Fuenzalida-Geschwister ja schonmal erwähnt, damals war mir das Ausmaß des Ganzen jedoch noch nicht klar. Tia Nelly offenbarte mir, dass die Mutter der fünf Kinder im Alter von 5, 10, 11, 13 und 15 früher Prostituierte war und die Kinder nicht alle vom selben Vater sind. Dabei wäre es wahrscheinlich, dass alle Kinder schon sexuell missbraucht wurden und vor allem der 13-Jährige Reinaldo regelmäßig verprostituiert wurde. Bevor sie vor ein Paar Jahren ins Projekt aufgenommen wurden, lebten sie noch auf der Straße, mittlerweile in einer Bruchbude in der Nähe der "Casa San José". Jedenfalls fehlte es immer an Essen, Hygiene und Sicherheit, die Kinder gingen nicht zur Schule, alles in allem sehr zerrüttete Verhältnisse. Und für mich das Schlimmste: Die fünf hatten noch ein kleineres Geschwisterkind, bis sich Reinaldo einmal aus Versehen an einem Heizboiler verbrannte, erschrak, dagegenstieß und dieser auf den darunterliegenden Bruder fiel. Durch diesen Unfall kam das Kind ums Leben und Reinaldo wird das von seinen Eltern auch noch vorgehalten und direkt gesagt: du hast deinen Bruder umgebracht. Was diese Kinder schon alles aufgeladen bekommen haben... . Mit diesem Wissen bekommt man ein ganz anderen Blick auf das Projekt und die Kinder, denn oft sieht man ihnen das nicht an.
Was hat nun das Projekt besonders für Kevin, Jesús, Nicole, Reinaldo und Julio Fuenzalida geschafft? Die Familie wurde psychologisch betreut, alle Kinder konnten regelmäßig essen, duschen, spielen und in begrenztem Maß wirklich Kinder sein. Die fünf beschützen sich in jeder Situation, egal ob ein Teil des Clans geschlagen werden soll oder nur Unterstützung beim Erstreiten eines Spielzeuges braucht. Alle gehen zur Schule und nehmen, so weit man weiß, keine Drogen.
Trotzdem können die seelischen Verletzungen nicht geheilt werden. Die drei Jüngsten können fast überhaupt nicht lesen oder schreiben, weil sie sich dem Unterricht oft einfach verweigern, kaum aufnahmefähig sind und nie ans geistige Arbeiten gewöhnt wurden. Man merkte auch immer den Einfluß der Mutter und ihres Freundes, wenn die Kinder aus dem Wochenende zurückkamen, in den letzten Monaten verschlimmerte sich die Situation eher wieder, denn die Eltern sind einfach nicht verantwortungsvoll genug. Die Fuenzalidas haben immer wenig zu Essen, können den ganzen Tag auf der Straße verbringen, niemand sagt ihnen, dass man zur Schule gehen oder die Hausaufgaben machen muss und die Ältesten gehen in den Supermarkt zum klauen. So haben sie eine kriminelle Zukunft vor sich.
Schon Ende letzten Jahres wurde deswegen entschieden, das Jugendamt einzuschalten und die Kinder in einem Heim unterzubringen. Gott sei Dank gibt es in Chile wenigstens für diese Härtefälle die Gesetze, Institutionen und nötigen Druckmittel um so etwas dann auch durchzusetzen.
Der ganze Prozess zog sich allerdings lange hin. Die Eltern verhinderten einen Abholtermin, indem sie ihr Haus verließen und die Nachricht streuten, nach Valparaíso abgehauen zu sein. Bald tauchten sie dann aber auf und drohten damit, zum Fernsehn zu gehen und über Kindesentführung zu berichten. "Acógeme" nähme armen, arbeitenden Eltern die Kinder weg. Natürlich wurde daraus nichts, aber wenigstens verlängerte es die Zeit, bis die Kinder dann nun endlich letzte Woche einem Heim übergeben wurden. Scheinbar brauchte es so viel Zeit und einen Prozess, um zu akzeptieren, dass man als Eltern versagt hat und die Kinder weg gehen müssen. Trotz fehlender Erziehung, Verantwortung und Führsorge kann man das biologische Band, das zwischen Mutter und Kindern besteht, nicht ignorieren. Obwohl den Kindern tolle Erzieher, eigene Betten, immer gutes Essen, ein warmes Haus, Fernseher, Spielzeug, Duschen und eine tolle Ausstattung versprochen wurden, wollte keines der Kinder das eigene Haus verlassen. Es bedeutet für sie natürlich, dass sie jetzt in einer anderen Welt leben müssen, denn aus dem Haus dürfen sie nicht alleine raus. Viele Kinder hauen auch von diesen Heimen ab, denn sie sind ein Leben ohne Regeln und Verbote gewohnt.
Ich hoffe das Beste für die fünf, obwohl es wohl nicht sehr hoffnungsvoll aussieht. Der Abschied war wohl sehr hart, besonders als sie am Heim ankamen, was keineswegs die versprochene Ausstattung hatte und eher traurig wirkte. Nochdazu heulten bei der Ankunft zwei andere Kinder bitterlich, weil sie nicht in das Heim wollten. Tía Nelly sprach von einem traumatischem Erlebnis. Was für ein trauriges Schicksal!
Wie kann ich eigentlich in einem Haus mit Pool wohnen, durch Südamerika reisen, ein so vergleichsweise dekadentes Leben führen und irgendwann nach Deutschland zurückkehren, wo diese Schicksale ganz weit weg sind? Müsste man nicht eigentlich gleich seine Musikanlage verkaufen und mit dem Geld den Kindern helfen?
Gerade um solche Fragen zu beantworten, bin ich anfang Januar mit Andreas Freidhöfer, einem guten Freund, den ich noch vom Vorbereitungskurs kannte, nach Santa Cruz in Bolivien gefahren, denn dort fand der Zwischenkurs von "Fid" statt. Ich traf mit 20 anderen Deutschen in meinem Alter zusammen, die als Freiwillige in vielen südamerikanischen Ländern arbeiten. Es war sehr interessant, sich mit allen über Erfahrungen, Ängste, Eindrücke, usw. auszutauschen und Rückmeldung von drei professionellen Begleitern zu bekommen. Die Woche hat mir schon geholfen, meine Aufenthalte kritisch zu überdenken und mit ein paar Vorsätzen in die zweite Halbzeit zu gehen. Z.B. sagte einer der Begleiter, dass man nunmal in der Welt lebt, die schon so ist, wie sie ist und dass man eben mit dem Konflikt arm - reich konfrontiert wird, wenn man ein Jahr in Südamerika arbeitet. Das wusste ich auch schon vorher, aber es ist wichtig, sich das in diesem Zusammenhang nochmal klar zu machen, denn für das Haus, in dem ich wohne, kann ich gar nichts, es wurde mir durch Glück von Maria Ayuda zur Verfügung gestellt. Diese komfortable Lebenssituation, die einem viel Kraft und Lebensfreude gibt, muss man deswegen nicht unbedingt in Frage stellen, geschweige denn aufgeben. Und es ist wirklich so, dadurch, dass ich sehr zufrieden und glücklich mit meinem Leben außerhalb des Projekts bin, fällt es mir auch leichter, mit den Problemen auf der Arbeit umzugehen.
Diesen Lebensstandard haben aber nicht alle lateinamerikanischen Länder. Das konnte ich schon in Argentinien feststellen, aber jetzt auch in Bolivien und Peru, wo ich im Sommerurlaub hingefahren bin. Ein Reisebericht wäre eindeutig zu umfassend, deswegen nur das Wichtigste, was ich mitgenommen hab:
Nochmal andere Länder zu sehen, hat mir aufgezeigt, wie reich eigentlich Chile noch ist. Man isst nicht auf der Straße mit den bloßen Händen, die Busse sind pünktlich, es gibt überall Internet, die Kriminalität ist nur selten lebensgefährlich und wenigstens die Polizisten sind soweit unbestechlich. Ich könnte noch vieles Andere aufzählen, denn Bolivien und Peru sind wirklich die ärmsten Länder in Südamerika. Auch die Menschen sind nicht so ausländerfreundlich, wie die Chilenen, sondern eher abweisend. Trotzdem gibt es wunderschöne Orte, wie das mystische Machu Pichu oder der höchste See der Welt, der Titicacasee. Und auf der zweiwöchigen Reise jetzt im Februar mit Rafael und Johannes wurden wir schon mit Situationen konfrontiert, die man in Deutschland nicht so erwartet. Von unverantwortlichen Busunternehmen über riesige Schwarzmärkte zu Magenkrankheiten in La Paz war alles dabei. Außerdem trifft man unglaublich viele beeindruckende Menschen, sowohl Einheimische, als auch Touristen. Alles in allem eine sehr interessante Reise, die die Rolle Chiles im südamerikanischem Vergleich für mich nochmal viel klarer gemacht hat.
Im Projekt ist jetzt natürlich Einiges viel einfacher ohne die Fuenzalidas, die Kinder haben mich mittlerweile sehr viel mehr akzeptiert. Mir fällt es leichter, klare Anweisungen zu geben, die dann auch beim dritten Mal befolgt werden. Außerdem haben wir viel mit den Arbeitskollegen unternommen, sodass ich mit einigen eigentlich schon richtig gut befreundet bin. Es macht einfach Spaß auf Arbeit zu gehen. Trotzdem ist es schwer mit den Kindern zu arbeiten. Wenn ich mit ihnen am Computer im Internet bin, sind sie immer noch sehr unaufmerksam und brauchen bei jeder Kleinigkeit Hilfe. Mein größter Wunsch ist eigentlich, ihnen zu zeigen, wie groß die Welt ist, wie viel es zu wissen gibt, welche Länder man sehen kann und dass sie durch das Internet auch eine kleine Tür in die große Welt haben. Ich hoffe, einfach durch meine Anwesenheit, andere Gebräuche, die sich an manchen Stellen zeigen oder die andere Sprache schon ein lebendes Beispiel zu sein.

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

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Kinder, mit denen ich arbeite

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Carlos (3), Nicole(4), Sebastian (3) - mit Lieblingsteddy Luchin